Aufklärung in den Echoräumen des Irrsinns: Journalismus zwischen Gatekeeping und Gatewatching (Mit Podcast)

DIENSTAG, 29. November 2016, 14:00-15:30 Uhr, Focke-Wulf-Saal

Die Transformation der Massenmedien zu digital vernetzten Medien tangiert nicht zuletzt Rollenbild und Selbstverständnis des Journalismus: Zum klassischen "gatekeeping" tritt zunehmend das "gatewatching" bzw. das "Kuratieren", bei dem das Zusammenstellen, (Ein-)Ordnen und Kommentieren von Quellen und Informationen zu einem bestimmten Thema im Vordergrund steht. Beide Rollen jedoch gründen implizit in der Annahme, dass das Publikum den Medien zutraut, als professionelle Gatekeeper und Gatewatcher zu agieren. Was aber, wenn Teile der Öffentlichkeit Journalismus zutiefst misstrauen, wofür der Lügenpresse-Vorwurf nur das extremste Beispiel ist? Und wie geht der Journalismus damit um, dass jenseits ihrer Profession neue Akteure auftauchen, die dem Journalismus die Gatekeeping-Funktion streitig machen, nach eigenen Logiken und Weltanschauungen Quellen kommentieren und Nachrichten produzieren? Was kann, was muss der Job von Journalismus im digitalen Zeitalter sein? Und: Wie lassen sich Wahrheit und Lüge im digitalen Diskurs auseinander halten?

Die französische Lehrerin Sophie Mazet hat im vergangenen Jahr ein Handbuch für die intellektuelle Selbstverteidigung mit Lerneinheiten für ihre Schüler geschrieben: Im Kern handelt es sich um eine Anleitung zur Medienkompetenz – mit den Mitteln des guten Journalismus (Fact-Checking, Evidenzbasierung etc.). Kann man (junge) Menschen also doch noch mit aufklärerischem Gestus erreichen und wie kann der Journalismus dazu beitragen?

Auch die italienische Datensoziologin Fabiana Zollo geht der Frage nach, wie es eigentlich sein kann, dass wir im Zeitalter der omnipräsenten Wissensbestände immer dümmer zu werden scheinen: Die alte These, man müsse nur kuratieren und so „sagen, was ist“ und der Geist werde erleuchtet, stimmt offenbar nicht mehr – zumindest reichen in bestimmten Sphären der Gesellschaft, die eigene Echoräume des Irrsinns aufgebaut haben, Evidenzargumente nicht mehr. In der Studie The spreading of misinformation online (Quattrociocchi et al. in PNAS, Januar 2016) machen Zollo und ihr Team den “online confirmation bias” als Treiber für die Verbreitung von Klimaskepsis aus. Was bedeuten Zollos Ergebnisse für den vernünftigen öffentlichen Diskurs, an dem sich doch auch die (Lügen)Presse beteiligen will?

Die homogenen Meinungsblasen in den sozialen Netzwerken beschäftigen auch Sebastian Herrmann. Der SZ-Redakteur schildert aus seiner Sicht, wie sich die Rolle des Journalismus im digitalen Diskurs verändert, wie der Job des Journalisten in einer „post-factual world“ aussehen könnte: Müssen wir Journalisten Fakten und Argumente anders aufbereiten?

REFERENTEN

  • Sebastian Herrmann, Chef von Dienst, Ressort Wissen, Süddeutsche Zeitung
  • Sophie Mazet, Professeur agrégé d'anglais, Lycée Auguste-Blanqui, Saint-Ouen (Seine-Saint-Denis), Paris
  • Fabiana Zollo, Laboratory of Computational Social Science, Networks Department, IMT Alti Studi Lucca (Italy)

MODERATION:

  • Prof. Holger Wormer, Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus, Technische Universität Dortmund


Die Präsentationen der Session finden Sie hier:

B8, Wormer: Aufklärung in den Echoräumen des Irrsinns: Journalismus zwischen Gatekeeping und Gatewatching

B8, Zollo: Aufklärung in den Echoräumen des Irrsinns: Journalismus zwischen Gatekeeping und Gatewatching



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