EINSPRUCH: Algorithmen vs. Redaktionen - wie verändern Social Media den Journalismus?

MONTAG, 28. November 2016, 12:30-13:30 Uhr, Borgward Saal

Streitgespräch mit Juliane Leopold und Jakob Vicari
Entwicklungen im Wissenschaftsjournalismus

Für die meisten jungen Menschen in Deutschland ist Facebook längst die wichtigste Informationsquelle: Mit einem Marktanteil von 94 Prozent in 2015 ist Facebook das „marktbeherrschende Medium für die Weitergabe von Nachrichten“. Die massenhafte Nutzung der Sozialen Netzwerke setzt die traditionellen Medien unter Druck: Wie sollen sie mit Facebook & Co umgehen – und wie verändert das den Journalismus?

Gegenwärtig umgarnt Facebook die Medienunternehmen geradezu mit verlockenden Angeboten: Mit den „Instant Articles“ etwa können Medien ausgewählte Artikel direkt bei Facebook hosten. So profitiert die Plattform von der honorarfreien Zulieferung von Inhalten – und Journalismus wird zum integralen Bestandteil von Facebook. Die Medien erreichen zwar ein größeres und jüngeres Publikum – aber nehmen die Nutzer die „Instant Articles“ noch als journalistische Leistung wahr? Droht den Verlagen eine Erosion der Leserbindung?

Die sozialen Medien sind für den Journalismus scheinbar Freund und Feind zugleich – ein „frenemy“ (Emily Bell). Oder „kolonisieren“ Facebook, Google & Co den Journalismus (Volker Lilienthal), indem sie ihn vorgeblich fördern?

Der durchschnittliche Nutzer verbringt 50 Minuten am Tag auf Facebook, quer über alle Anwendungen wie WhatsApp und Instagram. Nachrichtenseiten haben dagegen 5 Minuten Verweildauer. Wie dramatisch ist diese Verschiebung der Machtverhältnisse?
Angesichts der Dominanz der Sozialen Netzwerke suchen die traditionellen Medien nach strategischen Optionen: Ist der Brückenbau zu den neuen globalen Plattformen alternativlos, um in der öffentlichen Wahrnehmung nicht marginalisiert zu werden?

Dabei stellt sich die Frage, ob Facebook angesichts der Machtverschiebung tatsächlich Interesse an einer Partnerschaft auf Augenhöhe haben kann. Was passiert, wenn Facebook Journalismus in sein Produktportfolio aufnimmt und eigene Redaktionen gründet?
Schließlich ist Facebook durch die Akquise von Instagram und Whatsapp längst auf dem Weg zur „Plattform fürs Leben“ (Juliane Leopold), auf der alles stattfindet.

Darüber hinaus sollen in diesem Streitgespräch die möglichen Folgen für den Journalismus fokussiert werden: Bieten die Sozialen Netzwerke eher die Chance, Journalismus neu zu denken – von den Nutzern her? Wird Qualitätsjournalismus – Kommentierung, Einordnung, Hintergrund – immer relevanter inmitten einer Vielzahl von Stimmen, die scheinbar gleichberechtigt nebeneinander stehen?

Oder werden die „journalistische Komposition“ (Jakob Vicari) und die Integrationsfunktion von Journalismus, der sich um das ganze Bild und nicht nur um einen Ausschnitt bemüht, obsolet, wenn nur noch die beliebtesten Formate und Ressorts bedient werden? Schafft die Entbündelung von Medienprodukten („Debundling“) das Prinzip der Redaktion als systematische, kontinuierliche und umfassende Beobachtung der Welt ab? Und was bedeutet es für die Informationsökologie unserer Gesellschaft, wenn es immer mehr „blind spots“ gibt: unterbelichtete Sektoren der Wirklichkeit, über die man zu wenig weiß, um sich ein Urteil bilden zu können?

Zudem ist die Brechung und Milderung von Macht durch Deliberation, Transparenz, check & balance ein Wesensmerkmal von Demokratien. Dem steht die Intransparenz der Techs gegenüber: Die Algorithmen der Suchmaschinen und Netzwerke sind absolutes Geschäftsgeheimnis. Wie soll man beurteilen, ob die globalen Plattformen fair mit Partnern und Öffentlichkeit umgehen, wenn jeglicher Einblick in die Algorithmen verwehrt wird? Wie utopisch ist die Forderung, den Algorithmus offenzulegen?

In diesem Streitgespräch analysieren die ehemalige Buzzfeed-Chefin und Digitalberaterin Juliane Leopold (u.a. tagesschau.de) und der „Sensorjournalist“ Jakob Vicari die komplexe Lage und suchen nach Antworten auf Zukunftsfragen, die den Journalismus in seinem Kern berühren.

REFERENTEN:


Juliane Leopold
Freie Journalistin und Digitalberaterin (u.a. tagesschau.de)

Juliane Leopold studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaften in Berlin und arbeitet als Freie Journalistin. Sie berät Medienunternehmen in Hamburg, Paris und New York zum digitalen Wandel und unterstützt sie dabei, ihr Publikum inmitten eines lebendigen publizistischen Angebots im Internet zu erreichen und zu vergrößern. Bis Anfang 2016 war Juliane Leopold Gründungschefin des Medienstartups BuzzFeed in Deutschland. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Technologie, Unterhaltung und Gesellschaftspolitik. Ihr Berufsweg ist eng gekoppelt an den digitalen Wandel des Journalismus. Als Leiterin der Community der Neuen Zürcher Zeitung schulte sie Nachrichtenredaktionen im Umgang mit Usern, als Social Media-Redakteurin von ZEIT ONLINE brachte sie Nachrichtenjournalisten die Verifikation von Quellen aus sozialen Netzwerken näher. Sie entwickelte digitale Strategien für Print-Publikationen wie die Neue Zürcher Zeitung und die ZEIT. Als Deutschland-Chefin des Journalismus-Start-Ups BuzzFeed lernte sie, was es bedeutet, ein US-Unternehmen mit einer Mischung aus Nachrichten und Unterhaltung nach Deutschland zu bringen. Juliane Leopold lebt in Berlin und Hamburg.
 


Dr. Jakob J. E. Vicari
Freier Wissenschaftsjournalist, Lüneburg

Jakob Vicari studierte Journalistik mit Nebenfach Biologie in München und Genf. Er ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule mit umfangreicher Reportage-Erfahrung im Wissenschaftsjournalismus. Im Frühjahr 2014 erschien seine Dissertation Blätter machen. Bausteine zu einer Theorie journalistischer Komposition (von Halem, 2014). Er schrieb bislang für Brand Eins, Wired Germany, die Süddeutsche Zeitung und National Geographic Deutschland. Bis April 2015 arbeitete er als Wissenschaftsredakteur am Neustart der Wired Germany mit. Seitdem entwickelt er freiberuflich die Sensor-Live-Reportage als neues Format. Mit dieser Idee gewann er 2015 das Formatfestival des Medieninnovationszentrums Babelsberg; zudem wurde er vom Medium Magazin als „Wissenschaftsjournalist des Jahres“ ausgezeichnet. 2016 wurde Jakob mit der Web-Reportage Falcianis SwissLeaks – Der große Bankdatenraub für den Nannen Preis nominiert.



Programmplanung





Veranstalter

Logo Messe Bremen



Logo Bremen