B4_Diskussion
Heilpraktiker - abschaffen oder einbinden?

DIENSTAG, 05.12.2017, 10:45-12:15 Uhr, Konferenzraum 1 (Spectrum)

In diesem Sommer hat eine Gruppe aus 17 Wissenschaftlern das Münsteraner Memorandum veröffentlicht – mit der Forderung, den Beruf des Heilpraktikers ganz abzuschaffen oder grundlegend zu reformieren. Die Expertengruppe sieht durch schlecht qualifizierte Heilpraktiker das Wohl von Patienten in Deutschland gefährdet. Der Vorwurf: Es gäbe keine einheitlichen Standards in der Ausbildung der Alternativmediziner. "Wir wollten den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger hinnehmen", so die Mitinitiatorin Bettina Schöne-Seifert. Die Expertengruppe aus Medizinethikern, Juristen, Historiker, Pflegeexperten und Journalisten plädiert für tiefgreifende Reformen: Der Heilpraktikerberuf solle durch die Einführung eines spezialisierten Fach-Heilpraktikers abgelöst werden, den nur Menschen mit vorheriger Heilberufsausbildung erlernen können. Die Politik dürfe nicht länger hinnehmen, dass sich Alternativmediziner nach einer kurzen, weitgehend unregulierten Ausbildung als staatlich anerkannte Heilpraktiker bezeichnen dürfen.

Doch viele Menschen stehen der klassischen Schulmedizin skeptisch gegenüber und schätzen unter anderem den fehlenden Zeitdruck in den Praxen der Heilpraktiker. Auch wenn sie umstritten ist: Alternative Medizin erfährt eine hohe Präferenz in der Bevölkerung. Wir wollen genauer hinschauen: Bewegt sich das Heilpraktikerwesen tatsächlich in einer „Parallelwelt“ mit „Glaubensüberzeugungen, von denen viele durch die moderne Medizin empirisch widerlegt sind“? Vermittelt die Ausbildung nur „rudimentäres Wissen“? Wie lässt sich die Schärfe der Auseinandersetzung erklären, wenn hierzulande doch nur „0,01 Prozent unserer Leistungsausgaben“ für Homöopathie (C. Straub, Barmer) aufgewendet werden?

Oder betreibt der Münsteraner Kreis puren Lobbyismus für die Schulmedizin – mit dem Ziel, “unliebsame Konkurrenz loszuwerden”, wie der Fachverband Deutscher Heilpraktiker unterstellt? Inwieweit ignorieren die Kritiker der KAM (Komplementär-Alternative Medizin) die Schwächen der akademischen Medizin wie „MRSA-verseuchte Krankenhäuser“, unnötige Operationen oder ärztliche Kunstfehler? Und: Gerät der eindeutige naturwissenschaftliche Nutzennachweis in diesem Diskurs an seine Grenzen?

REFERENTEN:

Volker Stollorz [Mod.]

Redaktionsleiter, Science Media Center Germany (SMC), Köln

Volker Stollorz ist seit Juni 2015 Redaktionsleiter und Geschäftsführer des SMC in Köln. Davor war er als Freier Wissenschaftsjournalist mit dem Schwerpunkt Medizin und Lebenswissenschaften für überregionale Zeitungen, Magazine, Hörfunk und Fernsehen tätig. Nach einem Studium der Biologie und Philosophie an der Universität Köln begann seine journalistische Karriere 1991 nach Forschungsaufenthalten

in Amsterdam und Boston. Er war u. a. Redakteur bei der Hamburger Zeitung DIE WOCHE und schrieb regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, GEO

und NZZ Folio. Darüber hinaus engagiert er sich in der Wissenschafts-Pressekonferenz (WPK). Volker Stollorz ist Träger des Georg von Holtzbrinck Preises für Wissenschaftsjournalismus 2004.

Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert

Lehrstuhl für Medizinethik, Universität Münster

Bettina Schöne-Seifert ist approbierte und promovierte Medizinerin und habilitierte sich in der Philosophie. Seit 2003 ist sie Inhaberin des Lehrstuhls für Ethik in der Medizin an der Universität Münster. Von 2001 bis 2010 war sie Mitglied des Deutschen Ethikrats, sie ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der Nationalakademie Leopoldina sowie Mitbegründerin der Kolleg-Forschergruppe Bioethik und Biorecht an der Universität Münster. Schöne-Seifert arbeitet zu zahlreichen Fragen der Medizinethik. 2016 gründete sie den Münsteraner Kreis, der sich kritisch mit ethischen und wissenschaftstheoretischen Aspekten der Alternativmedizin befasst und 2017 das Münsteraner Memorandum Heilpraktiker veröffentlichte.

Prof. Dr. Andreas Michalsen

Professor für Klinische Naturheilkunde an der Charité und Chefarzt am Immanuel Krankenhaus, Berlin

Andreas Michalsen ist seit 2009 Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin und Inhaber der Stiftungsprofessur für klinische Naturheilkunde am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité Universitätsmedizin Berlin.

Als Facharzt für Innere Medizin promovierte er im Bereich Kardiologie und erwarb die Zusatzqualifikationen internistische Intensivmedizin, Notfallmedizin, Naturheilverfahren,

Ernährungsmedizin, Akupunktur, Homöopathie, Physikalische Medizin und Balneologie. Sein Forschungsschwerpunkt ist Lebensstilmodifikation, Mind-Body Medizin und

Traditionelle globale Medizin. In seinem klinischen Zentrum mit 90 Betten und 2 Ambulanzen wird mit dem Konzept der Integrativen Medizin, der Kombination aus Schulmedizin und seriöser Naturheilkunde, behandelt. Im April 2017 erschien sein Sachbuch Heilen mit der Kraft der Natur (Insel/ Suhrkamp) und kletterte auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Dr. Christian Weymayr

Freier Medizinjournalist, Herne

Christian Weymayr (Jahrgang 1961) ist promovierter Biologe und Freier Wissenschafts- und Medizinjournalist. Seit 2009 arbeitet für den IGeL-Monitor, seit 2015 als Projektleiter. Er schrieb das Buch Mythos Krebsvorsorge (mit Klaus Koch) und Die Homöopathie-Lüge (mit Nicole Heißmann), war Sachverständiger im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und verfasste für das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) zwei Patientenleitlinien zum Thema Hautkrebs. 2014 entwickelte er (mit Christian Egbers) das interaktive Entscheidungshilfetool DecisionCube. Er ist aktives Mitglied im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (DNEbM), im Wissenschaftsrat der Gesellschaft zur Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) und in der Arbeitsgruppe Gute Praxis Gesundheitsinformation (GPGI) sowie Mitgründer, Gutachter und Beirat im Medien-Doktor. Zudem lehrt er Medizinjournalismus an der Westfälischen Hochschule. Christian ist Mitautor des Münsteraner Memorandums Heilpraktiker.

Christian Wilms

Präsident des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker (FDH), Heikendorf

Christian Wilms ist Präsident des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker. Er war von 1978 bis 1982 im Sanitätsdienst der Bundeswehr tätig und durchlief die Ausbildung zum staatlich anerkannten Krankenpfleger. Von 1982 bis 1985 folgte die Ausbildung an der Hamburger Heilpraktikerschule, danach absolvierte er Assistenzen in Praxen in Pinneberg und Neumünster. Im Jahr 1986 eröffnete er seine Praxis in Heikendorf mit den Schwerpunkten Augendiagnose, Colon-Hydro-Therapie, Neuraltherapie sowie physikalische Anwendungen.

Von 1988 bis 1998 war Christian Wilms im Vorstand des Landesverbandes in Schleswig-Holstein tätig, hauptsächlich als Fachfortbildungsleiter; anschließend engagierte er sich im Fachverband Deutscher Heilpraktiker, der ihn im Juni 2010 zum Präsidenten wählte.                



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